Am Samstag hat Radio Bavaria International nach über vierzig Jahren wieder auf UKW gesendet. Vom Schwarzenstein in den Zillertaler Alpen, mit 300 Watt, in Erinnerung an die Radiopioniere, die den Sender einst gebaut haben. Die eigentliche Leistung lag dabei nicht im Studio, sondern am Berg.
Der Standort war bis zum Sendestart geheim. Jetzt ist er öffentlich, und er erklärt einiges: der Schwarzenstein, 3.369 Meter, der Gipfel, von dem RBI schon 1983 als erster Sender überhaupt gearbeitet hat. Von keinem anderen Südtiroler Standort war Bayern je besser zu versorgen.
Nur muss man erst einmal hinauf. Mit Sender, Antenne, Mast, Stromversorgung und allem, was dazugehört.
Teammitglieder haben uns erzählt, dass der Aufstieg stellenweise kein Kinderspiel war. Und im selben Atemzug, dass sie es für eine solche Aktion jederzeit wieder machen würden. Genau das ist der Punkt, an dem dieses Revival aufhört, ein nettes Nostalgieprojekt zu sein: Da hat eine Handvoll Leute für sechzig Minuten Programm einen Dreitausender bestiegen, Technik hochgeschleppt, sie bei alpinen Bedingungen zum Laufen gebracht – und würde es sofort wiederholen.
Was oben stand
Gesendet wurde mit 300 Watt auf 107,2 und 107,3 MHz, abwechselnd horizontal und vertikal polarisiert, über eine 5-Element-Yagi mit Faltreflektor. Also eine Richtantenne mit klar definierter Keule nach Norden.
300 Watt sind nach heutigen Maßstäben nichts. Die spannende Frage vor der Aktion war deshalb nicht, ob das Programm gut wird, sondern ob es auf einem randvoll belegten UKW-Band überhaupt irgendwo ankommt.
Wo es ankam
In weiten Teilen Nordtirols und Bayerns. Bis in die Oberpfalz, bis in den Großraum Ulm. In München reichte es sogar ohne Dachantenne, am besten kam der Sender in Oberbayern an. Auch am Weißenstein wurde das Signal aufgenommen. Über Web-SDR-Empfänger war es unter anderem in Windberg im Bayerischen Wald, auf der Schwäbischen Alb und sogar in Prag zu hören.
Für 300 Watt vom Gletscher ist das ein Ergebnis, vor dem man den Hut zieht.
Was zu hören war
Die Stunde war eine Verbeugung vor den Radiopionieren, allen voran vor denen von Radio Bavaria International selbst. Im Mittelpunkt stand Jürgen von Wedel, der RBI 1979 gemeinsam mit Jo Lüders gegründet hat und der dieses Revival anfangs noch selbst mitgeplant hat. Im Juni ist er gestorben, mit 72 Jahren. Das Team hat die Sendung danach als Hommage an ihn zu Ende gebracht.
Von Wedel war der Mann, der die ersten RBI-Antennen mit der Hand gebogen hat, weil das Geld für gekaufte nicht reichte. Der einen ausrangierten Skiliftmast zum Schrottpreis besorgt und das Aluminium für den Antennensatz mit der Auskunft durch den Zoll gebracht hat, daraus werde ein einfacher Zaun. Wer heute wissen will, wie die Anfänge des Privatfunks im deutschsprachigen Raum wirklich abgelaufen sind, landet früher oder später bei seinen Schilderungen.
Insofern schließt sich am Schwarzenstein ein Kreis: Auch diesmal wurde geschleppt, improvisiert und unter widrigen Bedingungen gebaut. Nur diesmal freiwillig und aus Respekt.
Unser Empfangsversuch
Wir hatten uns für den Rothsee bei Zusmarshausen entschieden. Abgesehen von ein paar kleineren elektrischen Anlagen der Wasserwacht gibt es dort praktisch keine Störquellen. Als Alternative stand ein Wegkreuz an der Diedorfer Straße in Biburg auf dem Plan, das wir zugunsten des Rothsees aufgegeben haben. Ob es dort besser gewesen wäre, bleibt Spekulation.
Bei uns kam nichts an. Aus Augsburg gibt es mindestens einen erfolgreichen Empfangsbericht, am Rothsee blieb es beim Rauschen. Uns fehlte eine Richtantenne, und die Nachbarschaft auf dem Band tat ihr Übriges: Auf 107,1 sitzt Radio Ton mit dem Sender Aalen und 20 Kilowatt in rund 85 Kilometern Entfernung, auf 107,3 kommt SWR4 vom Raichberg.
Auch die geplante Live-Übernahme ins Programm hat nicht geklappt: Beide DX-Server, die die Sendung weitergereicht haben – einer direkt vom Schwarzenstein, vom RBI-Team bereitgestellt, einer in Windberg –, waren hoffnungslos überlastet. In Teilen konnten wir die Sendung trotzdem hören. Begeistert waren wir auch so.
Was bleibt
Das UKW-Band ist heute dicht, aber nicht, weil es vor Vielfalt überquillt. Wer senden will, braucht zuerst eine Zulassung, und die bekommt man nicht, indem man ein gutes Programm macht. Man bekommt sie über Ausschreibungen, Gutachten, Wirtschaftlichkeitsnachweise und Fristen, die auf Strukturen zugeschnitten sind, welche das alles nebenbei erledigen können. Wer diese Hürde nimmt, steht vor der nächsten: Reichweite kostet Geld. Wer Kilowatt bezahlen kann, bekommt Kilowatt und die Frequenz dazu.
Bürokratie und Kommerz greifen dabei ineinander. Die Regulierung siebt aus, wer überhaupt antreten darf, und das Kapital entscheidet danach, wer gehört wird. Übrig bleibt ein Band, auf dem sich vieles gleich anhört, während für alles andere kein Platz ist – im Wortsinn: Die 107,2 war an diesem Samstag nur deshalb frei, weil Klassik Radio sie im Januar geräumt hat.
1979 war das Band übersichtlich, dafür war privates Radio verboten. Heute ist es erlaubt, dafür ist kein Platz mehr. Für Pioniere, kleine Sender und unabhängige Medienmacher hat sich im Ergebnis wenig geändert.
Umso mehr Respekt vor Leuten, die trotzdem auf einen Gletscher steigen, um sechzig Minuten Radio zu machen. Danke dafür.
Falls du am Samstag Empfang hattest: Schreib uns. Wir sammeln die Berichte weiter – auch die erfolglosen. Die gehören genauso dazu.
Aus erster Hand: das Interview bei Querbeet
Am Dienstag, 11. August, ab 20 Uhr ist eines der Teammitglieder bei Querbeet mit Stefan Unterstraßer zu Gast. Der Mitstreiter hat das Revival als Teil des Teams mitorganisiert und war auch technisch eingebunden und berichtet aus erster Hand vom Event und allem drum herum.




