
Am Samstag, 8. August 2026, meldet sich ein Sender zurück, den es seit 1983 nicht mehr gibt. Drei Ausstrahlungen an einem Vormittag, abgestrahlt von einem Südtiroler Gipfel nach Norden. Gewidmet ist die Stunde einem Mann, der sie noch mitgeplant hat und sie nicht mehr hören wird.
1979 kam Radio in Deutschland ausschließlich von den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Wer trotzdem senden wollte, war ein Fall für die Peilwagen der Bundespost. Zwei Münchner fanden einen Ausweg, auf den vorher niemand gekommen war: Sie bauten ihren Sender einfach jenseits der Grenze auf, in Südtirol, auf einer Alm hinter dem Brenner. Von dort strahlten sie nach Norden zurück. Die Antennen dafür bogen sie mit der Hand, den Mast kauften sie als Schrott, und das Studio dämmten sie mit Glasfasermatten aus dem Baumarkt, was beim Sitzen juckte.
Der Sender hieß Radio Bavaria International. Er lief vier Jahre und verschwand 1983. Nachahmer hatte er da längst: Radio Brenner, Radio C, Radio Tirol und ein halbes Dutzend weiterer Stationen, die dasselbe Modell übernahmen.
Am Samstag kommt er noch einmal zurück. Für einen Vormittag, auf UKW, aus Südtirol.
Was am Samstag läuft
Das RBI-Team hat eine einstündige Sondersendung produziert und schickt sie an drei Terminen über den Alpenhauptkamm:
10.00 Uhr: Erstsendung auf 107,2 MHz, vertikal
11.15 Uhr: Wiederholung auf 107,3 MHz, vertikal
12.30 Uhr: Wiederholung auf 107,2 MHz, horizontal
Drei Termine, drei verschiedene Chancen: Frequenz und Abstrahlung wechseln, und zwischen zehn und halb eins können sich die Empfangsbedingungen deutlich ändern. Nimm im Zweifel alle drei mit. Wer eine drehbare Antenne besitzt, sollte für den letzten Durchgang umstecken. Der läuft horizontal polarisiert.
Die Sendeantenne bündelt scharf nach Norden. Gerechnet wird mit Empfang in weiten Teilen Bayerns, bei günstigen Bedingungen bis in den Osten Baden-Württembergs. Wo genau sie steht, verrät das Team erst zum Sendestart.
Gesendet wird nach jetzigem Stand, es sei denn, das Bergwetter schlägt in letzter Minute noch um.
Für kurzfristige Meldungen hat das Team eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet. Beitreten kannst du hier: WhatsApp-Gruppe des RBI-Teams.
Ein Balkon in Schwabing, neunter Stock
Angefangen hat alles mit einem Empfangserlebnis, das eigentlich unmöglich war.
Jo Lüders, Medienjournalist mit Radioerfahrung unter anderem bei Radio Nordsee, produzierte Ende der Siebziger nebenher Bandsendungen für deutsche Urlauber in Italien: Popmusik, ein paar Informationen, verschickt per Post an private Stationen südlich der Alpen. Eines Abends stand er auf seinem Balkon im neunten Stock, vor sich einen alten Grundig Satellit, und hörte sein eigenes Programm. Verrauscht, aber unverkennbar. Ausgestrahlt wurde es von Radio Eisack, von einer Antenne auf der Zirogalm weit hinter dem Brenner.
Der Mann, den er aufgeregt anrief, hieß Jürgen von Wedel. Elektrotechnikstudent, seit der Schulzeit funkverrückt, gerade frisch lizenzierter Funkamateur. Von Wedel tippte auf Überreichweiten, ein Wetterphänomen, das nach zwei Tagen wieder vorbei ist, und rechnete damit, den Freund bald trösten zu müssen. Trotzdem besorgte er die größte UKW-Antenne, die aufzutreiben war, eine 14-Element-Yagi, und montierte sie auf dem Balkon. Betreten konnte man den danach nicht mehr, dafür stand das Signal fast rauschfrei.
Zwei Tage später war es immer noch da. Schwächer, aber da.
Daraus ergab sich der Plan. Wer auf italienischem Boden legal sendet, ist für deutsche Behörden nicht greifbar. Und wenn dieser Boden ein Berg ist, dessen Antennen nach Norden zeigen, hört Oberbayern mit.
Selbst gebogene Dipole und ein Zaun für den Zoll
Möglich wurde das Ganze durch eine Lücke im italienischen Recht. Ein Rundfunkgesetz von 1975 war ein Jahr darauf in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig erklärt worden. In dem juristischen Vakuum, das entstand, gründeten sich reihenweise private Sender. Auch Südtirol füllte sich mit Stationen.
Was den beiden fehlte, war Geld. Das Startkapital kam aus der Familie und reichte vorne und hinten nicht.
Den Standort suchten sie deshalb per Amateurfunk: zwei 2-Meter-Geräte, eine 75-Watt-Endstufe, Teleskopmast, eine zusammenlegbare Antenne im Kofferraum. Einer fuhr die Südtiroler Gipfel ab, der andere saß in München an der Hochantenne, und als Verbindung zwischen beiden diente das Relais auf der Zugspitze. Mobiltelefone gab es nicht.
Für professionelle Sendeantennen war kein Budget da, also baute von Wedel sie selbst. Acht Stück, zirkular polarisiert, konstruiert nach dem Vorbild einer Amateurfunkantenne und mit Hilfe der einschlägigen Fachliteratur umgerechnet. Jeden Dipol bog er von Hand. Das Aluminium besorgte er über einen Familienkontakt zu einem Bielefelder Hersteller. Das Material für den kompletten Satz kostete rund 600 Mark. Am Zoll brauchte er dann drei Tage, um die Beamten davon zu überzeugen, dass daraus ein einfacher Zaun werden sollte.
Als Mast diente ein ausrangierter Skiliftmast vom Nachbarberg, zum Schrottpreis gekauft und mit einem Unimog ins Fundament gezogen. Beim ersten Versuch riss das Seil, und der Unimog schoss den Hang hinunter, bis der Fahrer ihn gerade noch zum Stehen brachte. Der Sender kam in eine Aluminiumkabine von der Sorte, wie sie als stilles Örtchen auf Baustellen steht. Das erste Studio zimmerte ein Schreiner aus Rosenheim zusammen, gedämmt mit Glasfasermatten aus dem Baumarkt. Deshalb juckte es die Moderatoren beim Sitzen.
Die allererste Testsendung lief am 31. März 1979, an von Wedels Geburtstag, mit einer Antenne zwischen zwei Gartenstühlen. Am 16. Mai gründeten die beiden in Bozen ihre Gesellschaft, am 17. Mai gingen sie offiziell auf Sendung und kamen ein paar Kilometer weit. Erst im November, als die selbst gebauten Antennen am Skiliftmast hingen, wurde daraus ein richtiger Sender: 103,5 MHz, 500 Watt, ausgerichtet nach Norden.
Um den Namen hatten sie bis eine Woche vor der Gründung gerungen. „Bayern Radio“ stand zur Debatte, auch „Brenner Musik“. Am Ende sollte beides mitschwingen: das Zielgebiet und die Tatsache, dass hier aus dem Ausland gesendet wurde.
Die Peilwagen und die Grenze
Zuerst hörte Innsbruck zu. Das Team baute eine Diskothekentour auf: Die Top-50-Hitparade wurde samstags in wechselnden Innsbrucker Läden aufgezeichnet und sonntags aus Italien ausgestrahlt. Die Discos bekamen Werbung, der Sender bekam Hörer.
Beim Bayerischen Rundfunk nahm man die Sache anfangs nicht ernst. Das änderte sich, als RBI rund um Starnberger See und Ammersee spürbar Hörer abzog. Die Peilwagen der Bundespost rückten aus und blieben an der österreichischen Grenze stehen. Der Sender stand rund 135 Kilometer entfernt auf italienischem Staatsgebiet, auf einer in Italien koordinierten Frequenz, und strahlte durch eine Scharte am Brenner nach Norden. Rechtlich war nichts zu machen.
Gearbeitet wurde zunächst am Brenner, in einem Gästezimmer des Hotels Olympia. Später kamen Studios in Innsbruck und München dazu.
Aus einem Sender wurde eine ganze Szene
Was die beiden vorgemacht hatten, kopierten andere binnen kurzem. Radio Brenner, deutlich besser finanziert, aus dem später Südtirol 1 wurde. Radio C vom Hühnerspiel. Radio Tirol, Radio Eisack, Radio Transalpin, Radio Zirog, Radio Edelweiß. Gut ein Jahrzehnt lang war der Alpenhauptkamm das Sprungbrett für deutschsprachiges Privatradio. Wer einen ordentlichen Tuner hatte, konnte abends zwischen einem halben Dutzend Programmen aus Südtirol wählen.
Der legendärste Standort dieser Jahre war der Schwarzenstein in den Zillertaler Alpen. Ein Gletschergipfel auf 3.300 Metern, dessen höchster Punkt gerade noch auf italienischem Gebiet liegt. Von dort ließ sich ein Signal abstrahlen, wie es vorher niemand hinbekommen hatte. Empfangsberichte kamen aus Stuttgart, aus Nürnberg, sogar aus der DDR.
Entsprechend umkämpft war der Berg. Es gab Abbruchverfügungen, Prozesse gegen Senderbetreiber, den Alpenverein als Nebenkläger und 1989 einen Brandanschlag, der die Anlage zerstörte. Auch die Südtiroler selbst sahen die reinen Bayern-Sender mit Distanz: Fremdkörper, die weder für das Land noch von Einheimischen gemacht wurden. Später kam die Auflage hinzu, dass eine ausschließliche Ausstrahlung ins Ausland nicht zulässig sei.
RBI erlebte davon nur den Anfang. Im Juli 1983 zog der Sender auf den Schwarzenstein, und der Empfang nördlich des Kamms wurde schlagartig überwältigend. Nur drängte der neue Hauptgeldgeber Lüders und von Wedel binnen weniger Wochen aus der Firma, setzte einen eigenen Geschäftsführer ein und taufte die Station in Radio M1 um. Damit war Radio Bavaria International Geschichte. Aus Radio M1 wurde später ein Münchner Sender, den es bis heute gibt: Radio Arabella.
Jo Lüders starb im Juli 2000 mit 61 Jahren.
Jürgen von Wedel
Von Wedel blieb beim Radio. Die Namensrechte behielt er, ab 2010 lebte RBI als Webradio weiter. Über sechzehn Jahre lang moderierte er eine Sendung rund um Empfangstechnik. Vor allem aber erzählte er. Er hat die Pionierjahre dokumentiert, mit Materiallisten, Preisen und Fehlschlägen, ohne die Legenden zu polieren, die sich um diese Zeit gebildet haben. Wer heute wissen will, wie das damals wirklich lief, landet früher oder später bei seinen Schilderungen.
In der Nacht vom 18. auf den 19. Juni 2026 ist Jürgen von Wedel im Alter von 72 Jahren gestorben. Am 23. Juli wurde er in München beigesetzt.
Die Planungen für dieses Revival hatte er noch begleitet. Nach seinem Tod entschied das Team, die Sendung trotzdem zu machen und sie ihm zu widmen. Der Mann, der jeden einzelnen Dipol von Hand gebogen hat, damit im Voralpenland etwas anderes zu hören war als das Vorgesehene, bekommt am Samstag noch einmal seine Frequenz.
Warum uns das etwas angeht
Dass ein Sender wie Radio NWW existieren darf, war einmal alles andere als selbstverständlich. Am Anfang standen Leute, die es mit geliehenem Geld, selbst gebauten Antennen und viel Sturheit einfach probiert haben. Ohne sie gäbe es uns vermutlich nicht, und eine Menge anderer Projekte auch nicht.
Deshalb wollen wir am Samstag dabei sein. Wenn es technisch machbar ist, übernehmen wir die Sendung live in unser Programm. Ob die Anbindung vom Gipfel stabil steht, weiß vorher niemand, auch das Team vor Ort nicht. Wir versuchen es.
Alles Wichtige auf einen Blick
Wann: Samstag, 8. August 2026
Sendungen: 10.00 Uhr auf 107,2 MHz vertikal, 11.15 Uhr auf 107,3 MHz vertikal und 12.30 Uhr auf 107,2 MHz horizontal
Dauer: jeweils rund eine Stunde
Empfangsgebiet: weite Teile Bayerns, bei guten Bedingungen bis in den Osten Baden-Württembergs
Vorbehalt: kurzfristige Absage bei schlechtem Bergwetter möglich
Aktuelle Infos: WhatsApp-Gruppe des RBI-Teams
Und wenn du am Samstag Empfang hast: Schreib uns. Wir sammeln die Berichte. Für einen Sender, der einmal an Rückmeldungen aus halb Europa gemessen wurde, wäre nichts passender.




