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Eine Rollstuhlfahrerin versucht, ein hoch angebrachtes Fach einer Paketstation zu erreichen; ein blinder Mann bedient daneben einen Touchscreen.
Eine Paketstation, die nicht für alle erreichbar ist. Illustration.

DHL schraubt sein Ausbauziel auf 50.000 Paketautomaten bis 2030 hoch, die Konkurrenz zieht nach. Was in den Erfolgsmeldungen der Branche fehlt: Für Rollstuhlfahrer, blinde und sehbehinderte Menschen, viele Senioren und alle ohne Smartphone wird der Automat um die Ecke nicht zur Erleichterung, sondern zur verschlossenen Tür.

Der Deal

Wer ein Paket abholen oder verschicken will, wird in den kommenden Jahren noch öfter vor einem Automaten stehen. Marktführer DHL hat am Donnerstag den Kauf des Automatenbetreibers Myflexbox bekanntgegeben und sein Ziel für Ende 2030 von bisher mehr als 30.000 auf rund 50.000 Automaten in Deutschland angehoben.

Myflexbox wurde einst als Start-up der Salzburger Stadtwerke gegründet, später übernahm der britische Investor Star Capital. In Deutschland ist das Netz zuletzt rasant gewachsen – auf inzwischen rund 2.000 Standorte. In den hellgrauen Kästen lagern Sendungen von UPS, Fedex, GLS, DPD und Amazon. Das Verkaufsargument war bislang die Unabhängigkeit: Kein Paketdienst als Eigentümer, der eigene Sendungen bevorzugen könnte.

DHL hatte Anfang 2025 mit DeinFach eine eigene anbieteroffene Automatenmarke gestartet. Die Konkurrenz zeigte wenig Interesse – neben DHL lagert bis heute nur UPS als größerer Dienstleister dort ein. Trotzdem kam DeinFach auf rund 1.700 Standorte, die nun unter dem Namen Myflexbox weiterlaufen. Zusammen mit den rund 17.400 gelben Pack- und Poststationen, die ausschließlich DHL-Sendungen annehmen, kommt der Konzern auf mehr als 21.000 Automatenstandorte.

Myflexbox-Chef Jonathan Grothaus versichert, man bleibe unabhängig und behandle alle Paketkunden gleich. Er führt das Unternehmen künftig gemeinsam mit DeinFach-Chef Lukas Beckedorff. Beide werben dafür, dass ein Automat allen Paketdiensten offensteht, statt dass jeder Anbieter eigene Kästen nebeneinander aufstellt – Standorte seien ein knappes Gut. Die eigenen gelben Stationen will DHL allerdings weiterhin exklusiv nutzen, mit Verweis auf das erwartete Paketwachstum.

Die Konkurrenz plant kleiner: Hermes betreibt nur rund 30 Automaten im Großraum Hamburg und setzt auf Paketshops. GLS und DPD wollen bis Ende 2027 bis zu 6.000 gemeinsame Automaten aufstellen.

Das Problem, über das die Branche gern redet: volle Automaten. Ist kein Fach mehr frei, wandert das Paket zum nächsten Standort oder in einen Paketshop mit begrenzten Öffnungszeiten. Das Problem, über das die Branche nicht redet, ist ein ganz anderes.

Barrierefreiheit: Rund um die Uhr geöffnet – aber nicht für alle

„Rund um die Uhr verfügbar“ – das ist das Versprechen der Paketautomaten. Es gilt nur für Menschen, die sehen, stehen, greifen und ein Smartphone bedienen können. Für alle anderen gilt es nicht.

Kein Smartphone, kein Paket

DHL hat in den vergangenen Jahren eine wachsende Zahl von Packstationen ganz ohne Bildschirm aufgestellt. Diese Automaten lassen sich ausschließlich über die Post & DHL App öffnen. Wer kein Smartphone hat, die App nicht installieren will oder sie nicht bedienen kann, kommt an sein Paket schlicht nicht heran.

Das ist kein theoretisches Problem. Kann der Zusteller ein Paket nicht an der Haustür abgeben, leitet DHL es häufig an eine nahe Packstation um – auch an eine App-Station. Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat deshalb am 3. März 2026 beim Landgericht Köln Unterlassungsklage gegen die DHL Paket GmbH eingereicht. Die Verbraucherschützer argumentieren, die Herausgabe einer Ware dürfe nicht an die Installation einer Software gekoppelt werden, und Empfänger hätten keinen Einfluss darauf, ob ihr Paket überhaupt in einer solchen Station landet. Ein Urteil ist bislang nicht bekannt.

Zwar räumt das neue Postgesetz Verbrauchern das Recht ein, der Zustellung an rein App-gesteuerte Packstationen zu widersprechen. Doch Widerspruch muss man erst einmal kennen – und auch die Einstellung, Pakete nicht mehr an Packstationen umleiten zu lassen, läuft wieder über die App. Wer kein Smartphone hat, soll also digital erklären, dass er nicht digital erreichbar ist.

Gebaut für Menschen, die stehen

Selbst dort, wo es einen Bildschirm gibt, ist der Automat oft nur scheinbar zugänglich. In Österreich hat der Behindertenverband BIZEPS das Problem auf den Punkt gebracht: Das Display ist niedrig angebracht und im Sitzen bedienbar – das Paket liegt dann aber in einem Fach in Kopfhöhe, das aus dem Rollstuhl nicht zu erreichen ist. Erst nach einem Schlichtungsverfahren des Klagsverbands hat die Österreichische Post eingelenkt: Seit Kurzem können Rollstuhlnutzer und andere Menschen mit körperlichen Einschränkungen ihre Sendungen gezielt in den unteren Fächern hinterlegen lassen. Eine Lösung, die technisch offenbar trivial ist – und trotzdem erst auf juristischen Druck kam.

Touchscreen statt Taste

Für blinde und sehbehinderte Menschen ist ein glatter Touchscreen ohne Sprachausgabe eine Wand. Auch Myflexbox, künftig das „offene“ Aushängeschild von DHL, wird über Codes bedient: Der Abholcode kommt per SMS oder E-Mail und wird am Scanner vorgehalten oder auf dem Bildschirm eingetippt. Bei DHL-Express-Sendungen über Myflexbox in Österreich muss man den Empfang zusätzlich mit dem Finger auf dem Display unterschreiben. Von Sprachausgabe oder tastbaren Bedienelementen ist in den Bedienhinweisen keine Rede.

Der Sozialverband VdK hat schon vor Jahren gewarnt, die Postautomaten seien für Rollstuhlfahrer, kleinwüchsige und sehbehinderte Menschen nicht nutzbar, und auch ältere Menschen kämen ohne Beratung an ihre Grenzen.

Automat statt Filiale

Brisant wird das, weil Automaten längst nicht mehr nur Ergänzung sind. Seit Januar 2025 darf die Deutsche Post Automaten als Ersatz für gesetzlich vorgeschriebene Filialen anrechnen lassen – mit Zustimmung der Bundesnetzagentur und nach Rücksprache mit der Gemeinde. Bis Ende September 2025 gingen 629 solcher Anträge ein, 72 waren zu diesem Zeitpunkt genehmigt. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Roloff forderte, höchstens jede zwanzigste Filiale dürfe so ersetzt werden. Die Post selbst kündigte an, Barrierefreiheit künftig stärker zu berücksichtigen; einige Geräte seien rollstuhlgerecht, eine Blindenschriftfunktion solle nachgerüstet werden. Nachgerüstet – also nicht von Anfang an mitgedacht.

Wo die Filiale mit Personal verschwindet und ein Automat an ihre Stelle tritt, verliert genau die Kundschaft ihren Zugang, die auf persönliche Hilfe angewiesen ist.

Das Gesetz schaut weg

Seit dem 28. Juni 2025 gilt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Es verpflichtet erstmals auch Privatunternehmen – aber nur für ausdrücklich aufgezählte Produkte und Dienste. Bei den Selbstbedienungsterminals nennt das Gesetz Zahlungsterminals, Geldautomaten, Fahrkarten- und Check-in-Automaten sowie Informationsterminals. Paketautomaten tauchen in dieser Aufzählung nicht auf. Und selbst für die erfassten Terminals gilt eine Übergangsfrist bis 2040. Während also bis 2030 Zehntausende neue Paketautomaten aufgestellt werden, gibt es keine ausdrückliche gesetzliche Vorgabe, dass sie auch für alle bedienbar sein müssen.

Millionen Menschen außen vor

Um wie viele Menschen es geht, zeigen amtliche Zahlen: Laut Statistischem Bundesamt haben rund 2,8 Millionen Menschen in Deutschland noch nie das Internet genutzt, bei den 65- bis 74-Jährigen ist es etwa jeder Achte. Die Initiative D21 zählt 4,2 Millionen Offliner – und als Grund nennen immer mehr von ihnen nicht Desinteresse, sondern dass ihnen die Technik zu kompliziert ist. Dazu kommen Menschen im Rollstuhl, mit Sehbehinderung oder mit motorischen Einschränkungen, die zwar online sind, an einem Automaten aber trotzdem scheitern.

Es ginge anders

Dass barrierefreie Paketstationen machbar sind, ist längst bewiesen. Im österreichischen Projekt UnLock4All entstand eine Station mit gut lesbarem Display, akustischen und visuellen Signalen und ausziehbaren Schubladen statt hoher Fächer. Sie wurde im Juni 2023 in Linz installiert und von Betroffenen getestet, gefördert mit rund 600.000 Euro. Umgesetzt wurde das Konzept in der Fläche bislang nicht.

Die Technik ist also da. Was fehlt, ist der Wille – und eine Pflicht. Solange beides fehlt, baut die Paketbranche mit 50.000 neuen Automaten vor allem eines aus: eine Infrastruktur, die einen Teil der Bevölkerung von vornherein ausschließt.

Was Du tun kannst

Wenn Du keine App-Packstation nutzen kannst oder willst, kannst Du bei DHL der Zustellung an rein App-gesteuerte Stationen widersprechen – darauf hast Du nach dem Postgesetz ein Recht. Hilf auch Nachbarn und Angehörigen, die damit nicht zurechtkommen: Für sie ist ein umgeleitetes Paket sonst schnell ein verlorenes.

Samstag, 03.10.2026 (Tag der Deutschen Einheit)

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